Entfremdung: Erich Fromm’s „homo consumens“ und die Marktunterwerfung

Diese Entfremdung des Menschen von der Arbeit postulierte schon Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm (1900-1980). Den davon betroffenen Menschen bezeichneter er als sogenannten homo consumens, den das Prinzip des unbegrenzten Konsums als Lebensziel definiert. Er begründet dies durch die zunehmende Entfremdung des Seins, was nach Fromm letztendlich z. T. totalitäre, krankhafte, pathologische Züge annimmt. (11)

Die Pseudoaktivität der Konsumbefriedigung des Individuums steht dabei in einem Kreislauf von Konsumption, Werbung und Konsumption. (Wobei die entfremdete Produktion, mitbeeinflusst durch die arbeitsteilige Gesellschaft, gegenwärtig stärker mit der Werbung in Wechselbeziehung steht als mit der Konsumtion).

Bedürfnisbefriedigung wird zur Ersatzhandlung zur Entfremdung von der Arbeits- und Lebenswelt – die Angst des Konsumptionmangels und die Unfähigkeit, sich der Entfremdung zu stellen und sie zu bekämpfen, führt letztendlich zu Denkblockaden.

So wird aufgrund des neo-neoklassischen „Marktunterwerfungsprozesses“ als homo economicus eine reflektierende Haltung als auch eine Beobachtung zweiter Ordnung (nach N. Luhmann) mit der Zeit erschwert. Der marktorientierte Charakter, der den eigenen Wert nicht als Gebrauchswert, sondern als Tauschwert erlebt, funktioniert den Menschen zur Ware auf dem Persöhnlichkeitsmarkt um (Stichwort: Humankaptial).(12) So ist auch aus der Psychologie zu entnehmen:

Die Veränderungen, die durch den neuen psychologischen Vertrag aufgezeigt werden, weisen in dieselbe Richtung: Die Vermarktlichung des eigenen Könnens, das ständige «Nachrüsten» von Kompetenzen und die Be- bzw. Abwertung der Qualifikationen der Mitbewerber sind Dauerthema. Kein Wunder, dass Coaching auf der einen und Wellness auf der anderen Seite boomen.“ (13)

Spezialisiert hat sich hierauf auch die Logotherapie und Existenzanalyse. So stellt der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl fest, dass „wir heute […] mit einer existentiellen Frustration konfrontiert [sind]. Und der typische Patient von heute leidet […] an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl, das mit einem Leergefühl vergesellschaftet ist – weshalb ich von einem existentiellen Vakuum spreche.“ (14)

Die Bedeutung von (Markt)Arbeit ist dabei nur noch „a means of getting money“ und nicht eine in sich sinnvolle Tätigkeit, angestellt sein bedeutet keine Aktivität, keine Verantwortung bis auf die individuelle Performanz, der angestellte Erwerbsarbeiter ist nur noch „Kapitalinventar“ (15)

(11) Vgl. Fromm 1955: 117ff.; Fromm 1966: .; Fromm, E.: Haben oder Sein. Die seelische Grundhaltung einer neuen Gesellschaft. 17. Aufl. Stuttgart. 1976.:16, 35ff.
(12) Nach Fromm, In: Blaschke: Denk’ mal Grundeinkommen! Geschichte, Fragen und Antworten einer Idee. In: Blaschke, R.; Otto, Adeline, Schepers, Norbert: Grundeinkommen. Geschichte – Modelle – Debatten. Rosa-Luxemburg-Stiftung. Berlin. 2010. 254
(13) Birrer, S. Die Re-Humanisierung der Gesellschaft? Psychologiesche Aspekte eines bedingungslosen Grundeinkommens. BGE. In: Dossier: Konjunktur und Psyche. Psychoscope 12/2009.: 8
(14) Frankl, Viktor E.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, München. 1979.: 141.
(15) Fromm: Haben oder Sein. Die seelische Grundhaltung einer neuen Gesellschaft. 17. Aufl. Stuttgart. 1976.

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